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»Eine hallenhafte Spracharchitektur... suggestive Körperaufnahmen in Form geschlossener Textblöcke; sie zeigen die
Destruierung des Kör- pers durch ein krankes und krankmachendes Sprechen und Denken.« Lyrikpreis Meran, 1996
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»Mehrdeutigkeit - und eindeutige Stellungnahme gegen eine Gesell- schaft, die ausgrenzt und negiert, was nicht dem
Ideal strotzenden Lebens entspricht. Denn als potentiell Gefährdete fürchtet sie die töd- liche Ansteckung, der sie nicht entkommen kann. Und der Befallene fürchtet - in sein Schicksal gestülpt - diese
Gesellschaft... Bilder in kräftigen Farben, als blutrote Kleckse bis hin zu todblauer Erstarrung. Eine Collage, ein Krankheitsbild, ein Schüttbild, aus eigenem und fremdem Blut geschöpft, das in gelegten Bahnen
(Gängen) verlaufen kann.« erostepost-Literaturpreis, 1996
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»Wer selbst noch nie von einem Angehörigen Abschied nehmen mußte, hier ist beschrieben, wie’s geht. Sagen wir, die
Krankheit, an der bei Karlheinz Barwasser gestorben wird, heißt Aids und ist ‘der Peststiefel in der Ära der Postmoderne’. Der Gedichtband ‘ÜberGänge’ ist ein Totenbuch des Widerstands. Zorn statt seelischem
Neuland. Zwölf Anläufe mutet die ärztliche Maschinerie einem infizierten Schwu- len zu - Freificker, Klischeetyp aus alten Aufklärungskampagnen -, bis er sich aus den Griffen der Pflegeschwestern ans andere Ufer des
Jordans - fast schon gerettet hat. Diente alles der Lebensverlängerung! ‘dankbar sein / etwas Demut gefälligst’. Der Proband hat kein Leben vor dem Tod. Er hat Siechtum. Die Leute werfen verachtende Blicke. Selber
schuld, moralischer Schwerenöter! Kein Zufall, daß es bei Bar- wasser einen trifft, der dem Mainstream zufolge Risikogruppe ist. Die Warnungen der Gesundheitsbehörde waren kein Spaß. Der Sünden- pfuhl Babylon keine
bloße Metapher. ‘Die Anschuldigungsindustrie: da reichen der / falsche Haarschnitt und das verkehrte Schuh- / werk, um die Sau fertigzumachen: so nährt sich / der Glaube mit dem Blut des Schlachtopfers’ - ‘Denn
jedem gehört die Einsicht allein’. Sterben ist zum Verzweifeln.« Martin Droschke in Falter, Wien
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»DIE FREMDE EIGENE HAUT. Der Gedichtzyklus ‘ÜberGänge’ von Karlheinz Barwasser - Vorarbeiten dazu erschienen in
Zeitriss 3/96 und 3/97; vgl. außerdem Zeitriss 1/94, 3/94, 1/97, 1/98 - wurde bereits mehrfach preisgekrönt, 1997 sendete der Bayerische Rundfunk die Hörspielfassung - nun liegt endlich der komplette Text als Buch
vor. Um es gleich vorweg zu sagen: dieser Text ist ein großer Wurf, zu dem man dem Autor gratulieren und dessen Lektüre man bedingungs- los empfehlen muß. Thema ist das Leben mit Aids - was die Krankheit für den
Umgang mit dem eigenen Körper bedeutet, aber auch und vor allem, wie sich das Verhältnis des Kranken zur Gesellschaft verändert, die ihn mit einem ganz bestimmten medialen Bild des ‘Aids-Opfers’ konfrontiert, dem er
zu entsprechen hat. Entwickelt wird dieses Thema anhand der Figur eines an der Immun- schwäche erkrankten Fotografen, der im Verlauf von 12 Monaten, denen die 12 Hauptabschnitte des Textes entsprechen, u. a. auch
über diesen Zusammenhang von medialer Repräsentation und Zwang reflek- tiert: ‘er weiß, er tut Menschen und Dingen / Gewalt an, immer mehr, aber seine neuen Bilder sind nicht / zu töten, sie töten schon vorher
zurück’. Dem gemäß entwickelt Barwasser seine Assoziationen und Reflexio- nen jeweils an einer ‘Bildbeschreibung’ - man kann sich die evozierten Bilder als Ausschnitte aus dem Werk des Fotografen denken, an deren
verstörenden und irreal wirkenden Details sich das Denken entzündet. Daß man sich nicht im Bilderfluß verliert, dafür sorgt die sehr konse- quent durchgehaltene Untergliederung der Textabschnitte, der man die
Technik des erfahrenen Hörspielautors anmerkt. Sie verleiht dem Text eine Klarheit und Schärfe, die einem das bei der Lektüre von Lyrik eher seltene Gefühl vermittelt, emotional gefesselt, aber gleichzeitig kühl-
distanzierter Beobachter des Sprachgeschehens zu sein - ‘wie ein Auszählen bei vollem Verstand’. Und so leistet dieses Gedichtbuch, was man gemeinhin als das Geschäft des Romans ansah: es erzählt von einer menschlichen Ausnahmesituation, in die wir alle kommen können und in diesem speziellen Fall auch werden: Der Ausnahme- situation des Sterbens. Das ist mehr, als viele neue Romane dieser Saison von sich behaupten werden können, denn: ‘Beim Laufen im Kreis fickt man sich selber ins / Knie: als wäre die eigene Haut nicht fremd genug.’«
Gerald Fiebig in Zeitriss, Augsburg
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»’ÜberGänge’ - ein Titel, der zum Deuten reizt: Man denkt an eine Übergangssituation, die sich sukzessive verändern
wird, man denkt auch an Gänge, über die jemand zu gehen hat, und an deren Ende ihn Neues und Unbekanntes erwartet. Und schon auf der zweiten Seite ahnen wir, was das ist, und nach und nach verdichtet sich die Ahnung
zur Gewißheit: Es sind Gänge, die nur zu einer einzigen Türe führen: Zu der des Todes. Dieses lebendige, sprachliche Einkreisen eines Themas, von dem nie- mals alles erklärt wird, da es immer der unerklärbare
Teil als sein Geheimnis behalten darf und von dem dennoch das Wesentliche begreifbar wird, das ist der literarische Stil von Barwasser. Wie bei allen seinen Texten gerät man auch in diesem neuen Buch von der ersten
Seite an in den Sog seiner sinnlichen, farbstarken und atmo- sphärisch dichten Sprache, die das lineare Erzählen meidet und statt dessen Inhalt und Gehalt durch Beschreiben von Wahrnehmungen, Beobachtungen, Gefühle,
Gedanken und Handlungen seines Protago- nisten, wie auch die seiner Umwelt erfahrbar macht. Einmal sagte der Autor, er schäle alles, was er beschreibe, wie bei einer Zwiebel, Schale um Schale ab, bis das
Essentielle zum Vor- schein komme. Dies war schon 1992 sein Stil, als sein Gedichtband ‘Das Ypsilon der verdrehten Achsel’ erschien und damit von der ZEIT den Lesern als Geheimtip empfohlen wurde.. Zuerst war es
Lyrik, die auf ihn aufmerksam machte, dann kamen Hörspiele, Prosawerke, Essays, CD-ROMs. 1996 publizierte Barwasser seinen Roman ‘Mutterkorn’, eine Mutter-Sohn-Geschichte, die die unauflösbare innere Einsamkeit
einer Frau und ihre damit verbundene emotionale Kontaktunfähigkeit, auch zu ihrem Sohn, thematisiert. Fast im gesam- ten literarischen Œuvre von Karlheinz Barwasser leiden die Hauptfigu- ren lebend am Leben, und sie
alle geraten schuldlos in ihr Unglück. So auch in dem 1998 erschienen Band ‘Fleisch: Köder’ Dort ist es ein mit einer tödlichen Krankheit Infizierter, der durch zwölf internationale Städte reist und diese - ganz in
Barwassers Stil - mit einer wunderbar sinnlichen Aufnahmebereitschaft erlebt, beschreibt, gleichzeitig dabei aber nur von einem einzigen Gedanken besetzt ist: Andere mit in seinen Tod zu nehmen, damit er nicht
alleine gehen muß. Auch in ‘ÜberGänge’ ist die Hauptfigur von dieser tödlichen Krankheit betroffen, und auch dieses Mal nennt Barwasser sie nie mit Namen, da seine Erkenntnisse auch auf andere dieserart
Betroffene übertragbar sind. In ‘ÜberGänge’ begleitet der Autor seine fiktive Figur die letzten zwölf Monate seines Lebens und legt dabei Schicht um Schicht dessen schmerzlich irritiertes Bewußtsein frei, das
seismographisch auf die rapide fortschreitenden Veränderungen in allen Bereichen seines Lebens reagiert. Sein Protagonist geht durch Galerien, betrach- tet Bilder, und es wird nie deutlich, ob diese Bilder real oder
nur in seinem Kopf existieren, ob er nicht selbst in ein Bild hineingeht und so ein Teil davon wird. Barwasser gelingt das Vermitteln dieses durch und durch verwundeten Fühlens und Denkens seines tödlich Erkrankten
mit dem Beschreiben dieser Bilder, mit eigenen Sprachbildern und mit Farben - so legt er z. B. den zwölfmonatigen Ereignissen das Farben- pentagramm zugrunde, d. h. er setzt die zwölf Farben inclusive Schwarz und
Weiß ein, wobei er das Mittengrau bewußt ausspart. Und es gelingt ihm auch mit seiner Musikalität, mit der er seine Wörter und Sätze komponiert - alles literarische Mittel, die über eine unmittelbare Ausdruckskraft
verfügen. Zwar sind dadurch seine Texte nicht auf An- hieb verstehbar, aber viele der Rätsel entschlüsseln sich, wenn man sich konzentriert auf diese lyrische Collage einläßt. Geradezu meisterschaftlich versteht
es der Autor, die Ambiguität der Gefühle und Gedanken des tödlich Erkrankten aufzudecken, so etwa, wenn er Wut zeigt und gleichzeitig auf deren Rückseite Hilflosigkeit spürbar werden läßt, oder wenn er Verzweiflung
signalisiert und dahinter noch ein sinnliches Genießen irgendeines Anblickes aufblit- zen läßt. Der Autor überschreitet in seinem Buch alle Grenzen des uns Bekannten: Von Monat zu Monat beschreibt er den
fortschreiten- den körperlichen Verfall seiner Figur und scheut dabei auch nicht un- angenehme Details. Seine Gnadenlosigkeit dabei geht Hand ind Hand mit Wahrhaftigkeit und daraus bezieht dieser Text seine
unglaubliche Kraft, im Leser etwas zu bewegen. So erleben wir in diesem Buch Augenblicke, in denen Möglichkeiten der Literatur realisiert werden, die zeigen, was diese sein kann: Form einer Erkenntnis, die in keinem
anderen Medium zu gewinnen ist. ‘ÜberGänge’ wurde bereits 1997 von Karlheinz Barwasser als Hörspiel eingerichtet und in der Regie von Hans Gerd Krogmann und mit Edgar Selge in der Hauptrolle vom Bayerischen
Rundfunk urgesendet. Der Autor hat dafür wichtige Literaturpreise bekommen, so den Förderpreis des Lyrikpreises Meran. Und dies zu Recht. Denn meines Wissens kann man in sonst keinem Text so hautnah erfahren, was es
bedeutet, wenn eine Lebensphase nicht mehr unzählige Möglichkeiten in sich birgt, sondern nur noch eine einzige offen hält: Den Gang in den Tod. Und nirgendwo wird so eindringlich beschrieben, wie in einer solch
ausweglosen Situation sich Gedanken und Gefühle nicht mehr gerad- linig entwickeln, sondern sich nur noch zirkulär zu bewegen vermögen und wie sich allmählich alle Sinne schärfen, sich zuspitzen zu einer
Hypersensibilität - auf sich selbst und auf andere gerichtet, die mit seiner tödlichen Krankheit konfrontiert werden. Lebewesen müssen sterben, dafür gibt es einen Grund. Und wie der Molekularbiologe Marek Beneke
nachweist, ist für die nächsten Jahr- tausende eines zumindest absolut vorhersagbar: Den Tod werden wir niemals besiegen, selbst dann nicht, wenn der Alterungsprozeß kraß hinausgezögert oder gar eliminiert werden
kann, was mit Sicherheit schon bald geschieht. Das Sterben wegzukurieren wird jedoch, laut Beneke, für immer biologisch ausgeschlossen werden müssen. Und trotzdem: Obwohl der Tod irreversibel zum Leben gehört,
reagiert ein Großteil der Menschen panisch auf dieses Phänomen und überträgt diese rigide Ablehnung genauso panisch auf Kranke, die bereits vom Tod gezeichnet sind. Barwasser spricht hier von einer Inquisition be-
sonderer Art, die der mittelalterlichen nicht nachstehe. In seinem Buch deckt er mit übergangslos eingeblendeten Satzfetzen z. B. einer Kran- kengymnastin, von Nachbarn und anderen einen sublimen Psychoter- ror auf,
der nur mit einer solch sinnlosen Verdrängung des eigenen Todes erklärbar ist. Nach der Lektüre von ‘ÜberGänge’ wird dem Leser zusätzlich noch eins bewußt: Wir leben immer in der Nähe des Unwahrscheinlichen, das von
einer Sekunde zur anderen in den Be- reich des Wahrscheinlichen oder gar der Gewißheit rücken kann: Auf einen tödlich Erkrankten mit Ausgrenzung oder gar Hybris zu reagieren ist schon deshalb eine Unmöglichkeit.
Karlheinz Barwasser zu lesen bedeutet, die Grenzen seiner eigenen Erfahrungsmöglichkeiten in immer neue und unbekannte Bereiche hin- auszuschieben. Gudrun Bouchard
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