GANG 2



GELB
JULI, ABWEHRHALTUNG,
THEORIEFRONT, ABSTRAKT



VIREN, DIE KLOPFEN UND BEIßEN,
KRANKHEIT HAT EIGENE REGELN UND
EIGENE GESETZE, IHRE EXISTENZ GRÜNDET
AUF DER DISTANZ ZUR WIRKLICHKEIT.
Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, denn
was liegt, tut keinem etwas zuleide: vor der
liegenden Katze ist die Maus (ziemlich) sicher.




ZWEITES BILD

Das Gas. Ein Kellerfenster, eine zerbissene
Faust, dahinter der Kohleberg. Aber die Faust.

Das Foto sagt nichts mehr über Rufen und
Wimmern: nur ein paar welke Blätter, die
vor dem Kellerfenster in dieser Straße liegen.

Erst sieht man die Blätter, dann Kohlen im
Hintergrund: der eine Körper liegt ganz
offen, der andere verdeckt. Noch die Faust, von
einer Ratte angefressen, weiß der Hausmeister.

Sie sehen ein Foto, wie Sie nie ein Foto gesehen
haben, und Sie wissen nicht, was in diesem Foto
vorkommt: in dem alles anders ist als in allen
bisher gesehenen Fotos. Schauen Sie nicht an die
Decke. Berichten Sie, was Sie sehen. Riechen Sie.



die Türen auf: jeden Freitagnachmittag ging eine
Jumboladung Männerfleisch nach New York, Montags
zurück, der Gast war dabei

die Türen zu: im Babylon wanderten die Pillen und
die Gase und die Toilettentüren

die Türen auf: wenn er dann von ihm kam, war er
bei ihr, immer erging es ihm so und ihr, was
sollte er tun

die Türen zu: natural born loser, diese Einstellung
schreit nach Ansteckung: Bühnenbildstudent an
verschiedenen Akademien, Filmhochschule abgebrochen
deplaziert, manchmal Minderwertigkeitsangst, manchmal
Größenwahn:
seine Fotos für jede und zu jeder
Gelegenheit, davon kann man leben, wenn auch

die Anonymität der Krankheit: wo keine
Geschichte einer anderen mehr Platz macht

er sagt, das Wasser hat die richtige Temperatur, es hat
immer diese Temperatur, wieso fragt sie dauernd, sie
hat mehrere Patienten am Tag, können Sie Ihre Beine, sie
soll ihn bitte loslassen, er ertrinkt ja fast, lassen Sie mich los

sie hat schon andere liegen gesehen, mein Bester, mit
weggefressenen Lungenbeuteln, klapperdürr, wie alt sind
Sie eigentlich, seinen Namen hat sie inzwischen aus der
Krankenakte, so sagt sie, Sie sind doch noch gut dabei
runter bis zu den Schultern, tiefer

fast wie neu
weniger als körperlicher Defekt verstanden, mehr
Kennzeichnung der Schandtat Lust: metaphorisch
transparente Haut: lockere Zunge: Stigma der Sünden
ansteckend im moralischen Sinne: Schleimhautläsionen
knotig, florid, infiltrativ, lymphadenopathisch
die Fingernägel wachsen noch nach, zeitig
das sei mutwillige Zerstörung von Leben durch Aus-
schweifung, ruft ihm die Frau im Treppenhaus nach, er
sagt Grüß Gott, tapferes Mädel, Sie verstehen etwas von
Leidenschaften und wie sie abhängig machen



abends wird jeder Himmel grau bis zur Privatheit, ein
Stundenkaleidoskop, immer wieder: wieviel Zukunft zur
Anatomie: ausgeweidete Kadaver, überwachsene Innereien,
fauliger Müll

jede Erinnerung als Halt, andere Gedanken Verlust
denn er steht schon auf Dutzenden von Listen



er saß und las sich in eine Welt, die nie so
stattgefunden hatte: die Eiszeit ließ noch auf sich
warten, die Zeit war angenehm, da locker, wenn auch
eine liberale und offene Denkungsart einen Rest von
Klassensystem kannte
wenig moralische Prinzipien, nur sie sagte, daß sie
ihn nicht länger mit anderen, die nachts in Parks und
Toreinfahrten auf ihn warteten, teilen wollte
bete und heirate, sagte die Mutter, warte ab und ent-
scheide dich spät, der Vater
vor dem Schlaf zählte der Körper die Ereignisse




vom Geradestehen: wo jedes Bewegungsspiel, das
zur Merkwürdigkeit tendieren könnte, in Sekunden-
bruchteilen absolviert sein muß, präzise auf das
Zucken des einen oder anderen Muskels, oder was
davon übrig ist, verkürzt: später fiel ihm eine
Gestalt im letzten Haufen auf: die nicht einmal
mehr ihr Testament geschafft hatte:
bekloppt gebetet

GANG 12



GELBGRÜN
MAI, EIN GEFÜHLSKRANKES
SCHWEIN, SICK BUT WILLING



WO MAN ES ZU KEINER ORDNUNG DER WAHR-
HAFTIGKEIT GEBRACHT HAT, MUßTE EINE
LIEGEORDNUNG AUF DEM FRIEDHOF ERFUNDEN
WERDEN. HINTERSTE REIHE: VENERISCHE INFEKTION.
Es passiert, daß das Fieber steigt und die Reise-
büros die Flugpreise heruntersetzen. Der Endspurt
kann spannend werden, noch einmal anregend sein.




ZWÖLFTES BILD

Zum Ende zwei Gläser Wein: zum Ende der
Beispiele. Er könnte jetzt Musik hören oder
seinen Zustand präziser bekleiden: zwei, drei
letzte Operationsnähte, Schlauch in Nase und
Mund, Nottaufe, um die Würde herzustellen.

Nah liegt der Schlaf: Durchkommen wiegt
Messer und Brot, geordnet im Rahmen bis zuletzt.

Und, natürlich, eine korrekte Haltung, neue
Schuhe und ein stilles Herz. Kredit beantragt.



ein schnurgerader Horizont, doch das
Begehren: er hat noch Gefühl in den
Beinen, aber er hat wichtigeres zu
tun: rauchen wie ein Schlot und saufen
wie ein Loch: Arschbacken zusammen-
gekniffen, das Lendchen in Geschenk-
papier gewickelt
wirft das Päckchen dem Hausmeister nach
sagt: hallo, mich wird es putzen

sie sagte, sie hat sie liegen gesehen, mein
Lieber: die Utopie ist, daß er sich liegen sieht
er sieht sich liegen, als er erwacht: er sieht noch aus



und wenn der Tod nur ein solcher ist, wenn er
öffentlich passiert und allseits bemerkt und
wahrgenommen wird, kann auch nur derjenige des
Mordes bezichtigt werden, der diesen Tod als
erstes entdeckt hat



er sagte, es war kein wirkliches Bild, und es
war doch eins, er wußte es: er hatte sich
auch wenn er seit Tagen die Logik dieser
Handlung für die Logik eines Traums
hielt, zu dieser Stelle geführt
seinen Kopf zu der Fläche gedreht: orange-
rotes Leinen, zwei mal zwei Meter
er hatte sich abgewendet, ohne zu sehen
die Fläche orangerot, ein schwarzgestrichener
Rahmen, und hätte er gesehen: genau in der
Mitte ein Nein, weiß und wenige Millimeter
hoch: er hat nicht hingeschaut

das Verschwinden: der Widerstand
der Zustand: die Tat



so waren manche Nachmittage: ein zwischen
weißen Hintergründen und grellbunten Kostümen
arrangierter Versuch, Stationen seiner vierzig Jahre
seine Gedanken und seine Zeit in elegant wirkende
Bilder zu übersetzen: von der mönchischen Selbst-
unterdrückung bis zur vulkanischen Eruption

wenn keine albernen Dinge angestellt worden
wären, hätte nie etwas Intelligentes entstehen können



und findet zuletzt dieses eine Bild: in keinem
Museum und keiner Galerie
es produziert beim Anblick den Schrecken eines
Fahndungsfotos: das Titelbild eines Magazins, das
jemand ins Treppenhaus gelegt hat
runder Fleck mit dunkel abgegrenztem Rand, darin
ein längliches asymmetrisches Gebilde, mal stäbchen-
förmig, mal pyramidenförmig, diabolisch in seiner
Ausformung, Grauton, aus rund achtzigtausend
Rasterpunkten zusammengesetzt

die Spur verliert sich in der Vergangenheit
Illusionen aus der Ferne

auf Leinwände gestrichen, durch Fixierbäder
gequält: quer zur Tagesordnung liegende
Fragen zu Geschichte und Theorie, Eindrücke
über die ganz individuelle Abwehrschwäche

so gut wie nichts über Schuldzuweisung und
Selektion und Kosten-Nutzen-Analyse: weil
nichts nie und nirgendwo eine natürliche
Natur hatte
und kein Bild, wo zu Anfang ein Verständnis
gestanden hätte (lieber Rationales berufen und
Vernunft entgegenhalten): jedes Bild hätte
sich selber anders geschaffen, jedes Foto hätte
sich selber anders geschossen undsoweiter



vom Museumswärter erhält er, bevor er
sich zur Ambulanz aufmacht, einen tiefen
Zungenkuß: den ganzen Weg über sang er
ein Vaterunser zur Melodie eines alten
Schlagers: wenn nicht die klappernden
Knochen, die wandernden Flecke
die krösende Hirnmasse

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