»Karlheinz Barwasser hat Bilder wie Fetzen zusammengetragen und mit Sprache verwoben, kurze Szenen greifen ineinander, Schlaglichter auf ein Leben mit der Mutter; Erinnerungen verschwimmen, an die Kindheit ebenso wie an die jüngste Vergangenheit, und immer wieder ragt daraus die unmittelbare Gegenwart hervor: die Beerdigungs- vorbereitung. Manchmal stehen diese Bildercluster beim Lesen wie eine Sprachwand vor den Augen, doch immer wieder durchdringt man das Gerüst, als wenn sich Luken öffneten, die tiefe Einblicke gewähren in die Seele eines Menschen. 'Mutterkorn' tastet sich wortmächtig in den Urgrund hinunter, berührt Tabus und wird manchmal darin auch manisch, doch die Gewalt dieses Textes ist beeindruckend und wirkt lange nach, wenn man das Buch schon längst zur Seite gelegt hat.«
Sven Ricklefs im Bayerischen Rundfunk

»Karlheinz Barwasser gehört mit diesem Roman zur Gemeinde der manischen Redner, deren Vorsitzender noch immer der große Bernhard ist. Wie weit kommt man mit der Sprache, wenn man sie ins Vorsprachliche hineintreiben will, wenn es um den namenlosen Schmerz oder das unaussprechliche Unglück geht, so lautet hier die Frage... Lebendenfledderei unter den Hinterbliebenen, seelische Grausamkeit in der Erinnerung an die Mutter und Anfälle körperlicher Heftigkeit kennzeichnen die Tage. Alte archaische Empfindungen beherrschen die Szene: Macht, Vorwurf, Neid. Noch immer schwebt der matrimoniale Imperativ, Liebe mich!, Gehorche!, wie ein Leitstern und ein Damoklesschwert über dem Sohn, alles ist deshalb aufs Äußerste gespannt... Aber auch, wo es ums Unaussprechliche geht, bleibt die Sprache für den Text letztendlich entscheidend. Barwassers Buch gliedert sich in kleine Gedankenausflüge, zwischen ein paar Zeilen und wenigen Seiten lang. Das beginnt in einer anmutigen Mittellage, zwischen Indikativ und Konjunktiv, zwischen wirklichem Geschehen und Vorstellung, 'wie ich dann dies und jenes tue' oder 'wie sich dann dies oder jenes ereignet' ist hier das syntaktische Muster. In dieser Konstruktion ist immer ein Erstaunen des Erzählers über sich selbst mitausgesprochen.«
Peter Michalzik in der Süddeutschen Zeitung

»Gerade aber beim Leser Betroffenheit auszulösen, versucht Barwasser nicht. Mechanismen nachzuvollziehen, die das Leben in einer als normal zu bezeichnenden deutschen Kleinfamilie aus der unteren Einkommensschicht bestimmen, ist ihm wichtiger...«
Martin Droschke in Laufschrift und Distel

»Ein Stück impulsiver, drängender Prosa ohne Larmoyanz, das den Eindruck von Atemlosigkeit vermittelt, aber präzis kalkuliert ist... Die artifizielle Prägnanz des Textes - eine riskante Gratwanderung bewahrt ihn vor jeglicher Absturzgefahr. Barwassers Schilderung... wird so zum sprachlichen Ereignis, zu vom Leser erlebter Gegenwart. Nichts an dieser sukzessiven Erinnerung und Selbstentblößung ist spekulativ, vielmehr besticht das Buch durch seine selbstverständliche Aufrich- tigkeit, die auch dem Obszönen, Ekelhaften oder Anstößigen die ihm gemäße Bedeutung beläßt.«
Hans Rochelt

»Indem wir bei Barwasser die Gestalt der Mutter... als Erinnerungen eines Ich kennenlernen, gerät die Auseinandersetzung des Protago- nisten nicht zu einer wohlfeilen, ungenau-allgemeinen 'Abrechnung' zwischen den Generationen. In 'Mutterkorn' ist Platz für das Konkrete, das Biographien ausmacht. Die Kraft von Literatur liegt darin, daß sie Raum bieten kann für Anschaulichkeit oder gar Drastik. Wie gut Barwasser diese Chance in 'Mutterkorn' zu nutzen weiß, war bei seiner Lesung an gewissen Publikumsreaktionen zu erkennen. Manchem Zuhörer war durchaus Verärgerung anzumerken. Daß Barwassers Lesung auch solche Resonanz beim Publikum hervorrief, gerade das dokumentierte ihre Eindringlichkeit.«
Nordbayerische Nachrichten

»Unter den Neuerscheinungen in diesem Jahr hebt sich 'Mutterkorn' wohltuend ab. Erstens durch eine präzise Sprache, die von der ersten Seite an eine Sogwirkung entwickelt, sowie durch das Thema einer sinnlichen Sohn-Mutter-Beziehung... Die Virtuosität des Textes und seine Eindringlichkeit machen 'Mutterkorn' zu einem Buch der besonderen Art. Es wirkt lange nach...«
Günther Kaip in der Wiener Zeitung

»Karlheinz Barwasser lotet emotionale Wunden aus, balanciert geschickt innerhalb eines engen Grenzbereichs. Indem er Details wahrnimmt, die anderen verborgen bleiben, gelingt ihm eine überaus sensible Prosa von sprachlicher Gewalt und Präzision.«
Manfred Chobot im podium

»Daß 'Mutterkorn' keine Abrechnung ist, liegt an den Ähnlichkeiten zwischen Mutter und Sohn, die hintergründig deutlich werden... Barwasser beläßt es nicht bei Inzest-Phantasien, er seziert den Mutterkörper, nimmt ihn auseinander, Stück für Stück, um ihn dann wieder zusammensetzen zu können: die Mutter wird ausgestopft! Barwasser findet für das Innerste seiner Sohn-Figur eine Sprache, die mitreißt. Wie Nebensächliches wird die Erinnerung in Nebensätze verpackt, die die Endgültigkeit eines Schlußpunkts scheut... Die verlogene Schäbigkeit, die Barwasser in 'Mutterkorn' beschreibt, hat ihren Sitz im Leben.«
Wandler

»Barwassers Buch liest sich wie ein moderner Entwicklungsroman im Sinne eines Karl Philipp Moritz. Seine Sprache ist zügig, stockt nirgends. Die Offenheit der Schilderung, die intensive Auseinander- setzung mit einer quasi lebenslangen Beziehung ruft im Leser beinahe Beklemmung hervor.«
Rudolf Kraus in Scriptum

»Die Atmosphäre dieses Romans ist an jeder Stelle ausgesprochen dicht... Diese Beziehung löst sich nicht durch den Tod, sondern die Ablösung wird innerlich vollzogen: schmerzhaft, dramatisch und auch befreiend. Das ganze Geschehen ist so beklemmend unwirklich, daß es schon wieder erschreckend real wird... Dieses Buch hat bei mir etwas in Gang gesetzt, es arbeitet in mir, jetzt, noch Tage nachdem ich es aus der Hand gelegt habe, und das ist vielleicht das größte Lob, das ich einem Buch aussprechen kann.«
Dieter Walter in Das Info

»Diese Stilhaltung, einen kleinen Aspekt aus einer Familienkonstel- lation, wie hier von drei Tagen, so präzise und dennoch nie langatmig aufzufächern, hat bisher kaum ein Romancier in der deutschen Literatur geschafft... Barwassers Roman hat ein hohes Sprachtempo, der Anfang ist geradezu fulminant, und immer wieder wird man mitgezogen von dem Sog der Erzählkunst... Dem Autor gebührt mit diesem Roman das Ansehen, das er verdient.
Österreichischer Rundfunk

»... Nicht nur literarische Schonkost findet ihre Leser, das bewies Barwassers letzter Roman ‘Mutterkorn’... Das fotografische Element ‘schnell hintereinander festhalten’ nimmt Barwasser in seine litera- rische Arbeit hinüber. Seine Lyrik, Prosa und Hörspiele zeichnen sich durch ‘großes Tempo’ aus, oft erinnert sein Stil an den französischen ‘Noveau roman’ der 60er Jahre... Durch die Intensität seiner Sprache, das hohe Erzähltempo, eine exakte Beobachtung fesselt Barwasser bis zur letzten Zeile. Seine unablässig fließenden Gedanken lassen erst nach Einschüben, Nebensätzen und Aufzählungen das Satzende zu... Da bereitet es ihm Lust, Gedanken bis an die äußerste Grenze weiterzudenken.«
Süddeutsche Zeitung