Wenn er, mit erhobenen Armen, in der Zimmerecke stehen und sich den Schmerz verbeißen muß und sich den Vater dafür, mit irgend einem Gegenstand, der in Reichweite läge, erschlagen sieht, wofür er aber seine Hände benutzen und folglich die Arme herunternehmen müßte, was der Vater, der Ludwig, nicht zuließe, da sonst seine Bestrafungsaktion nicht jenen Abschreckungscharakter behielte, den sie behalten soll: nur die Arme in die Luft strecken und dort oben halten, je nach der Schwere der Verfehlung bis zu einer halben Stunde, nicht mehr, er würde sich an dem Jungen sonstwie nie vergreifen, nur die Arme hoch, bis alles Blut aus ihnen hinausgelaufen ist und in den Achseln stockt, dort Klumpen wie aus Blei bildet, bis die Adern leer sind für das Millionenheer von Ameisen, das sofort seinen Zug darin antritt und stechende Säure verspritzt: so steht er, der junge Wander, mit seinen erhobenen Armen, und muß stehen, bis kurz vor dem Her- ausbrechen der Schulterblätter, ganz nah dem Kollaps: hält nur die Augen geschlossen und hält durch und tötet den Vater, bis der ihn die Arme herunternehmen läßt: abrupt nach unten, nicht gemach, von dem einen Extrem in das andere, so soll er spüren, wie das ist, wenn mit einem Schlag das Blut in die Adern zurückgepumpt wird und ihm die Arme auf einen Schlag ausgerissen werden, so soll er sich diese Lek- tion merken, damit er nur sehe, daß ihm der Ludwig zwar einiges, aber nicht alles durchgehen lassen könne, und dann wünscht Wander sich, nicht zum erstenmal, daß der Ludwig ihm einmal nur einfach eine schallende Ohrfeige, also etwas ganz normales aus dem Repertoire der Züchtigungskiste, verpassen möge, aber der lehnt es, wie er schon hundertmal erklärt hat, ab, sich auf eine derart plumpe Weise an sei- nem Sohn zu vergehen, er vergreife sich nie und nimmer an ihm, rühre ihn, ganz einfach, nicht an, weil, die beste Strafe für den Sohn seien jene Strafen, die der sich, wie auch schon hundertmal durchdiskutiert, selber zufügen müsse: der Ludwig hat sich unter Kontrolle, gerade dann, wenn es um die Erziehung des einzigen Sohnes geht: und nie danach kam Wander, für einmal nur, gut aus diesem Traum heraus: immer wieder rissen die Arme aus ihren Schulterverankerungen und krachten zu Boden, wo sie, beim Aufschlag, in Stücke zersprangen wie Eisblöcke, wonach der Traum, wie ein Film im Rückwärtslauf, zurückspulte und wieder von vorne begann: Arme ab und Arme dran, wieder ab undsoweiter: über viele Jahre ein so drückender Traum, daß er sich jedesmal wunderte, beim Aufwachen noch zu leben, wo er doch, als eine Art von Gegensteuerung, den anderen Traum und das ganz übergangslose Schlüpfen in jenen neuen Traum praktisch im Traum erfunden hatte: wo er in dem anschließenden Traum aus dem Fenster gesprungen und somit die weitere Nacht, da er für sich tot und ruhig, raumlos und seelenlos, oder was er dafür hielt, geworden war, hatte durchschlafen können: und nie mehr sollte ihm die Phantasie als Bewußtseinsflucht zuviel sein: konnte dann im wachen Zustand so rotieren, daß sich der Teppichboden wellte und er mit seinem Körper darauf Achterbahn fuhr, auch wenn immer alles im Tod endete, jener kleinen Veränderung mitten im Leben: ich denke, ich bin ganz gut in der Schule, die erste Klasse auf dem Gymnasium werde ich meistern: bin ganz gut, weil ich ganz gut sein muß, denn alles, was ich dazu- lerne, weiß der Vater schon vor mir: nur mit Wissen und einer guten Bildung, so macht er mir begreiflich, könne man es im Leben zu etwas bringen, weshalb er auch regelmäßig am frühen Abend die Weiterbil- dungskurse besucht, weil seine Firma die ganze Buchhaltung, wie er sagt, demnächst auf elektronische Datenverarbeitung umstellen wolle und er sich gründlichst mit dieser Materie vertraut zu machen habe, nicht umsonst habe er eine große Verantwortung zu tragen: derweil könne ich noch einmal im Englischen die Deklinationen und die Kon- jugationen durchgehen, er werde mich, sobald er zurück sei, noch einmal abfragen: und immer ist er zeitig zurück und ein Hobby hat er auch nicht: so denke ich manchmal an die Mutter zurück, die kein Englisch sprechen und überhaupt nicht rechnen konnte, wie der Vater ihr das manchmal, in einem freundlichen, aber nicht unbestimmten Ton, vorgehalten hat: sie hätte mir wohl erlaubt, mal ein Bild zu malen, und mir sogar echte Ölfarben gekauft, wenn ich diesen Wunsch ge- äußert hätte, was ich jetzt nicht mehr tue, weil der Vater der Meinung ist, daß ich schon für solchen kindlichen Firlefanz zu alt sei und mich schon auf das wesentliche vorzubereiten habe: vielleicht werde ich dann mal Dolmetscher oder mache, gleich dem Vater, was mit Zahlen: man verdient damit gut, hat, wie der Vater es nennt, sein Auskommen, auch wenn ich Englisch und Mathematik nicht besonders mag und ich mich nicht traue, das dem Vater, da ich ihn, wo er selber so viel am Hals hat, nicht unnötig belasten will, zu beichten.

So er die schrecklichsten Artikel in Zeitungen und Magazinen aus- giebig und gerne las: wie jene Beschreibung von Selbsttötungsarten, wo der Verfasser, ein Pathologe, es für besonders unerfreulich hält, wenn man, um den Selbsttot herbeizuführen, mit Heizstrahlern oder Heizlüftern in sein letztverdientes Schaumbad steige, weil sich dann, wenn man, nach dem sich augenblicklich einstellenden Exitus, nicht hinreichend schnell gefunden werden könne, das Badewasser so er- hitze, daß man als Leiche, ganz besonders an jener Stelle, an der man der Stromquelle nahe ist, regelrecht gekocht werde: um Klassen ästhetischer sei es daher, einen angeschlossenen Fön in die Wanne mitzunehmen, da es, weil die Heizspiralen eines solchen Geräts durch den Strom schneller oxydierten, im Wasser zu metallischen Abson- derungen komme und man so als Leichnam mit einem zarten Bronze- ton überzogen geborgen werden könne, also tot, aber auf eine schon edel zu nennende Art dem Leben entrückt, wobei der Pathologe aber nicht weiter ausführt, wie es um andere alltägliche elektrisch betrie- bene Haushaltsgegenstände, wie Bügeleisen, Mixgerät, Toaster, Radio, Rasierer, Computer und gar Rasenmäher, und deren Einwirkung auf den Todesverlauf und das daran anschließende Ergebnis bestellt ist: bekannt geworden sei nur der aufsehenerregende Freitod der Wilma M., die gleich mit einem halben Dutzend elektrischer Geräte, konkret mit einem Turbomix, einem Lockenstab, einem Radio, einem Entsafter und einem Fön, natürlich nicht ohne vorher eine störungsfreie Stromversorgung dieser Gerätschaften sichergestellt zu haben, in die Wanne gestiegen sei: gefunden habe man sie in heftig verkrampfter Körperhaltung, zu Füßen einen Käfig mit zwei gebrühten Nymphen- sittichen, wogegen der scheinbar auch zwecks gemeinsamen Selbst- tods mitgenommene Collierüde auf dem Frottiervorleger hockend angetroffen worden sei, wenn auch klatschnaß und vor Erschöpfung winselnd, so doch ansonsten wohlauf, was, auf das ganze traurige Spiel bezogen, bei Wander, nach dem Lesen, einen heftigen Rausch hervorrief, eine kurze Abspanne von Glücksempfindung, eine Erschei- nung von der Dauer einer Episode, wobei er nicht näher zu definieren aufgelegt war, ob die entstandenen Bilder der verkohlten oder ver- sengten oder einfach nur aufgetriebenen Leichenkörper, mit oder ohne Bronzeglasur, dieses Hochgefühl bewirkten oder das Nachempfinden jener kurzen Ewigkeit, in der die Suizi-denten ihr letztes kleines Glücksgefühl fanden: praktisch aus dem letzten Glück in die nicht mehr erlebte Verunstaltung, wobei das Glück hier auch als Ahnung dessen, was, Gottseidank, nie mehr eintreten würde, in einem Ab- wasch aufgelebt und gestorben, mit dem Weg des Fleisches hätte gegangen sein können: allerletzte Seligkeit, im Tod gesotten, doch nicht mehr vom Leben beschissen: ähnlich jenem Gefühl eines Schau- spielers, der, wie Wander den Faden weitersponn, auf der Bühne auf- tritt und in die Mitte der Szene geht, wo er erst mit der Zunge an seinem kaputten Backenzahn spielt und dann, weil es so schön weh tut, mit schmerzverzerrtem Gesicht, noch bevor er sich in seiner Kunst hätte entfalten können, wieder abtritt, ganz in dem Bewußtsein, daß die kleine Kunst die größten Effekte hervorbringt, was Wander heftigst nachempfinden konnte, nur war es bei ihm der nicht mehr vorhandene Weisheitszahn, genauer die Lücke im Zahnfleisch, die dieser Zahn hinterlassen hatte und mannigfaltige Gelegenheiten und Möglichkeiten gab, jene kleinen Glücksmomente des Tages herauszufordern: immer tüchtig mit der Zunge darin herumgeflatscht und, weil es eines Aus- lösers bedarf, wo noch keiner ist, ebenso tüchtig die letzten faulig schmeckenden Wässerchen herausgesogen, aus einem Phantom- schmerz in die reale Körperqual: wie ein Glückszustand mitunter von einem nicht mehr vorhandenen Nerv abhängt, hatte er da Antrieb und Zusammenhang überschätzt: hätte es, ein Glücksgriff sozusagen, so sehen können, wenn alles nicht doch seine Bahn gegangen wäre, wo man sich nicht mehr zu drehen und zu wenden gewüßt hätte: wenn und wo es, und dieser Gedanke hatte Wander besonders gefallen, bewußt geschehen könnte: sich, zum Beispiel, als Leiche zu insze- nieren, also auf die Bühne getreten und dort geblieben wäre: eine skurrile Selbsterforschung bis auf den Grund aller Lebensschauspiele, mit Kostüm und Maske und Gesten in einem Bühnenspiel um mehr als bloß einen verlorenen Zahn: so war Wander einmal mehr an die Grenze des begrifflichen Denkens gestoßen, wie wenn dem Radierer im Kopf nicht nur er, sondern gleich jede Instanz mit unterlegen gewesen wäre: manchmal bekam er den Traum mit den abstürzenden Armen nicht mehr zusammen und betrachtete es weiter als eine Kette glücklicher Fügungen, daß das Taschentuch beim Hineinschneuzen weiß blieb: da war der Ludwig schon im Pflegeheim und konnte von den barmher- zigen Schwestern nur noch geschaukelt werden: für Wander wie ein Ausflug in die schönen Tage, die es auch gegeben hatte, wo der Ludwig und die Mutter und er sich miteinander im Gras gebalgt hatten, und der Ludwig hatte ihn und die Mutter bis zur Ohnmacht gekitzelt, Wander wäre fast erstickt an seinem eigenen Lustgeschrei: dagegen war die Mutter, die Ludwigs obsessives Kitzeln als schon krankhaft bezeichnet hatte, dessen fröhlichem Wahn zuerst noch entkommen: war aufgesprungen, rückwärts aus dem Gras auf die Straße gelaufen und von einem schnellfahrenden Auto erfaßt worden: und weil ich schon zu lange weine, sagt der Vater, jetzt sei es an der Zeit, nicht mehr zu weinen und mit meiner Trauer zurückhaltender umzugehen, er wisse doch, wie überhaupt alle wüßten, die an der Bestattung teil- nähmen, wie sehr ich der Mutter ein guter und folgsamer Sohn gewe- sen sei und mich ihr Fortgang schmerze, jedoch hätten wir jetzt zu- sammen den unvermeidlichen letzten Gang gemeinsam zu meistern, uns ab morgen aber schon wieder auf meine Zukunft zu konzentrie- ren, wo Vergangenheit nur ein unnötiger Ballast sei: hätten wir also, wo wir unsere Trauer gehabt haben, unseren Blick nach vorne zu richten und: geh aufrecht, halte dein Kreuz gerade, wenn du, da auf dich ge- schaut wird, hinter dem Sarg hergehst: manchmal denke ich schon darüber nach, wie es wäre, wenn ich nicht mehr lebte, wenn ich mit- gegangen wäre: ausschlafen können und, weil ich so sehr Freude daran hätte, ein Bild malen oder aus Erde etwas formen, immer an- ders: doch muß ich wieder weinen, so daß der Vater mit mir, von Mann zu Mann, reden will, zum Beispiel darüber, daß der Mensch umso besser aus seiner Verwirrung fände, je weniger er traurig wäre oder weinte, wenn ich nicht reden will, weil mir schon jetzt nicht die Wege einleuchten, die die Flucht vor der Trauer einschlägt: wenn der Vater meine ablehnende Haltung empörend findet und ich zwei Tage später, die Strafe war, im Gedenken an die Mutter dann doch ausgesetzt bis dahin, in die Zimmerecke und, um wieder zur Besinnung zu kommen, die Arme hochrecken muß, eine Viertelstunde: die fehlende Zeit zur halben Stunde erläßt mir der Vater.

Ob er wirklich das Bild gesehen hatte oder nicht, wollte Wander nicht mehr wissen und zwang sich, die Logik dieser Handlung, nämlich das Entdecken des Bildes in einer Ecke des Museums, das Herangehen und, wie unter Zwang, das Betrachten, jetzt im nachhinein, für die Logik eines Traums zu halten, er glaubte, an diese Stelle geführt wor- den zu sein, um dann gezwungen zu werden, das Bild anzuschauen: jemand hatte seinen Kopf genommen und zu der Fläche hingedreht, einer Fläche aus rotgetünchtem Leinen, etwa zwei mal zwei Meter, quadratisch, eine Nötigung von außen und zugleich aus ihm heraus, eine Weisung, das, was er in dem Bild sah, glaubte, in diesem Bild zu sehen, in Worte umzusetzen: er sagte, er sehe eine rote Fläche mit einem Rahmen aus Aluminium und genau in der Mitte der roten Fläche etwas in schwarz, das, aus der Distanz, wenn er seinen Betrach- tungspunkt nicht verändere, wie ein ungleichmäßig aufgetragener Strich wirke und, wenn er, wie ihm geheißen, näher an das Bild heran- trete, das Wort Tod? ergebe, Tod mit einem Fragezeichen: winzige, nicht mal einen Zentimeter hohe, schwarze Buchstaben auf einer roten Fläche, gesperrt aufgetragen, in die Länge gezogen: er sagte, auch wenn er gezwungen sei, das Wort zu interpretieren, könne er nichts dazu sagen, es bedeute ihm rein nichts, weder könne er dabei kör- perlich etwas spüren noch gerate er in eine Ohnmacht, die vielleicht von ihm erwartet werde: dann hat sich Wander von dem Bild gelöst und ist hinausgelaufen, sagte dazu, daß ihm, der schlechten Luft im Mu- seum wegen, schlecht geworden sei, er habe hinaus gemußt, und noch später, daß er daraus einfach aufgestanden sei, seine Hose angezogen und sich noch die Zähne geputzt habe, so hat er es hin- gedreht, auch das mit dem Ludwig: er habe Spuren von Blut in der Zahncreme bemerkt und dann, oder genauer, weil erst danach, beim Gurgeln, gewußt, daß der Ludwig gestorben sei, also kein Wort mehr zu dem Bild mit dem Wort Tod? und erst recht kein Wort zu des Vaters Sterben und auch keine Assoziation zu einem idiotischen Zusammenhang zwischen Zähneputzen und Abkratzen, er wolle nicht vermischen und somit verwischen, die richtigen Worte, überhaupt Worte, weil alle Worte, und die den Worten vorangegangenen Gedan- ken, die Situation nur verklärten, fehlten ihm, es sei nicht eins nach dem anderen zu denken, wo Denken überhaupt fraglich sei: dabei ein verworrener und verwickelter Klumpen, als ob seine Gedanken nicht zu ihm und zu niemandem gehörten und er diesen Zustand gesucht hätte, so ergab sich sein Inneres dem Äußeren und am Telefon hatte ihm die Pflegeschwester, professionell lapidar, mitgeteilt, daß der Ludwig ins Koma gerutscht sei, und, später dann, als Wander vor der Tür gestan- den und nicht gewagt hatte, die Klinke runterzudrücken, war der Vater schon grün angelaufen, also praktisch unansehnlich, gewesen: grün war für Wander die verhaßte Farbe, so hatte er sich vor dem letzten Gang gerettet, nämlich den Ludwig noch einmal zu sehen: er hatte jetzt das Haus, und die Ruth, die faltige Ziege, die ihn einst, weil der Ludwig so einfallslos sei, gefragt hatte, ob er, der Sohn ihres Lieb- habers, ihr beim Scheißen zusehen wolle, müßte ihre Koffer packen: eine Woche, höchstens, bis die Bilder vorbei seien: er mußte, wenn schon, schreien: nur in sich hinein: als wäre meine Haut so hart, daß sich alles daran brechen müßte: denn man finde nicht zu einer neuen innerlichen Wirklichkeit, sagt die Pflegeschwester, solange man den sich abzeichnenden Verlust ignoriere: sowie ich jetzt noch einmal den Vater berührte, fiele meine Hand ab, sowie ich ihm jetzt noch einmal in die Augen blickte, fühlte ich nur noch den Zwang mich zu wiederholen: geht der Vater, so geht er nicht, er wird nur gestaltlos, und schon kommt die Ordonanz aus des Vaters Zimmer mit einem Teller, an dem Blut klebt, da sei er mit dem Kopf aufgeschlagen: so schiebt man, wo das Haus jetzt leer bleibt, vor die Wahrheit die Wirklichkeit.

Immer, wenn Wander sich nicht erinnern will, ist die Erinnerung da, als servierte sie ihm, wollen Sie mir zusehen, Junior?, seine Unsicherheit auf einem Tablett: längst nicht nur abgelegte, sondern verräumte, schon verlegte alte, in einer Filmproduktionshalle am Set von ihm mit einer Pocketkamera heimlich an den Kontrollmonitoren vorbei ge- schossene Farbbilder, ausschnittsvergrößerte, grobkörnige Abzüge, auf denen er, da sie für ihn den Ruch eines Übergriffs in sich bargen, immer noch mehr zu entdecken glaubte als auf der später im Gesamt- film eingebrachten Sequenz, die immer nur aus einem Geschnipsel dessen, was drei Kameraobjektive und eine Aufnahmetruppe, darunter Wander als unterste Hilfskraft, also Allesmacher und jedermanns Befehlsempfänger, gesehen oder auch nicht gesehen hatten, bestan- den: private Augenblicke in sauber abgesteckten Szenen, und erst die von Wander mit einem lächerlichen Pocketapparat, dazu noch ver- steckt, geknipsten Schmuddelbilder konnten einen verloren gegange- nen Zugang der Figuren zueinander und die Erregung an der Trauer um nichtgenutzte Chancen herstellen: da wirkten die Details, als hätten sich die Akteure den aufgesprühten Schweiß wirklich trockengekeucht: eine verschlagene Sinnlichkeit aus Rasterpunkten, für die er empfäng- lich war: eine geschärfte Wahrnehmungsreizung wie nach einem Dutzend Morde am Stück: so hatte Wander, Brote zubereitend und Requisiten und Kabel schleppend, seine Arbeit bei der Filmfirma ver- sehen und war abends in seinem Zimmer, hinter zugezogenen Gardi- nen, in die kitzelnde Privatheit seiner Ausbeute gesunken: zuletzt Hunderte von Details von Schauspieler M. und Schauspielerin D. und Schauspielerin G. undsoweiter, auf dem Boden ausgelegte unan- ständige Offenbarungen: in der Verstohlenheit wirklich, weil, wie der Ludwig ihm beigebracht hatte, eine zu große Nähe, bei jedem zu heftigen Umarmen hatte er den Sohn aufgefordert, sich in seinen Ge- fühlen zu mäßigen, nur die Lüge fördere: er ist ganz seiner Vorstellung von Intimität verfallen, weil es sich mit Fremden leichter reden läßt: wo ich dem Vater von den sprechenden Tieren erzähle und der den Kopf schüttelt: so schaffe ich mir die kleinen Unterbrechungen, wo nichts mehr geglaubt und nichts mehr gewollt wird: nachgespielte Phantasien vorgespielter Phantasien: jetzt könnte ich jedes nur einmal gesehene Bild wieder hervorholen und jeden Film, auch wenn ich nur wenige ausgewählte ansehen durfte, an jeder Stelle wieder ablaufen lassen, und je öfter der Vater mir einen Fehler vorhält, umso größer wird meine Bereitschaft, einen Fehler, der etwas ungewöhnliches und ungewohn- tes, für das man sich auch schämen kann, zur Folge hat, zu begehen: in der Schularbeit, im Lesen kluger Bücher, im Schuheputzen, in der Anständigkeit des Auftretens: als Unterbrechung die kleinen Lügen, auch wenn ich nicht weiß, wohin der Vater mit seiner Lust geht.

Eine erschreckende Intimität des Ausgeliefertseins, doch nie hätte er das Wort Voyeurismus über seine Lippen gebracht: wenn das Ver- hältnis ungleichmäßig, da einseitig, war: wollen Sie mir beim Scheißen zusehen, Junior?, so ist die Ruth, ein kalt berechnendes, schlankes Gestell, bei offenstehender Türe, auf der Klobrille gehockt, kaum, daß sie sich beim Ludwig, samt einiger Dutzend Kisten und Koffer, einquar- tiert hatte: die wartende Falle hinter einer Verführung, der Ludwig hatte es immer gewußt, daß im Kern aller leidenschaftlichen Regungen stets ein böser Geist stecke und Liebe nur eine Metapher für Nieder- lage sei, wie hier Wanders Niederlage, seine Kapitulation vor der An- näherung, gleich den Szenen vor der Filmkamera: je berechnender, und damit sensibler, so der Regisseur, eine Angelegenheit inszeniert werde, umso größer sei der Effekt des Echten, gerade darum ist Wander nicht darauf eingegangen und hat auch kein Wort dazu ge- sagt, nur im Kopf so etwas wie eine Antwort formuliert, daß ihm näm- lich beim Anblick eines Putzeimers mehr Regung abgehe, wonach, notwendigerweise, um die Situation nicht ganz ins lächerliche abrut- schen zu lassen, alles nur, wie die Ruth beteuerte, ein Test, eine kleine Provokation um des Spaßes willen, gewesen sein sollte, und Wander hat noch gedacht, daß sie ihn hätte bitten sollen, sie so zu fotografieren, für seine stumme Sammlung: er läßt sich seine Phan- tasie, mit der er sich im Einklang glaubt, nicht durch irgend eine Wirklichkeit zerstören, auch wenn der Fachmann aus der Werbe- branche in einem Fernsehbeitrag gesteht, daß jede Bemühung, da- heim die Eiswürfel so glasklar zu bekommen, wie sie einem in der Whiskywerbung stets vorgesetzt würden, nur pure Zeitverschwendung sei, weil nämlich, wie der Fachmann weiter verrät, die Eiswürfel, was nun einmal, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer und lieber Herr Wander, die ganz unpoetische Realität sei, nicht aus gefrorenem Wasser bestünden, sondern, und dieses Geheimnis müsse nun in die Welt hinaus, aus simpelstem Plexiglas, das bekanntlich auch unter der massivsten Hitzeeinwirkung durch die Scheinwerfer nicht zu schmelzen drohe, geschnitzt seien, und weiter, als Wander schon nicht mehr hinsieht und hinhört, daß sich die Werbung, folglich alle Phantasie, ja Poesie, auf recht dünnem Eis, er sagt Eis, bewege, da weder das Leben noch die Poesie eindeutige Antworten auf alltägliche Fragen bereit halte, alles nur verlogener ideologischer Kleister sei: aber das Haus würde er einst vom Ludwig erben, mit allen Parteien und allen Mieteinnahmen: auch durch die Gewöhnlichkeit, die man lebt, kann man zum Außenseiter werden: so habe ich es gelesen: sind wir doch, wie der Vater nach dem Tod der Mutter einmal sagte, eine kleine Familie, die, bis auf die fehlende Mutter, nichts ungewöhnliches an sich hat, und so ist auch der Vater: eher unscheinbar von Gestalt, eben ein richtiger Buchhalter, wie die Mutter früher scherzte, kleiner als ich, keine Erscheinung, die einem beim ersten Blick Angst ein- flößte, weshalb ich auch nicht weiß, was es manchmal ist, das mich erstarren läßt, wenn der Vater sich, nachdem er mit mir am Tisch gesessen hat und ich ihm von den letzten Paradiesen der Erde, von Inseln, die nur wenige Meter über dem Meer liegen und auf denen das Leben wunderbar sein müsse, erzählt habe, erhebt und dabei merk- würdig ernst bleibt und mich fragt, aus welchem Blatt ich diesen Schwachsinn habe, und mich darauf hinweist, daß ihn meine Altklug- keit, die meinen Blick verenge, ärgere, und ich nicht weiß, was er damit meint: auch sagte ich einmal, während des Essens, daß ich mich noch immer genau an das erinnern könne, was ich kurz nach meiner Geburt gesehen hatte, und er stand nur vom Tisch auf und schaute mich an, sofort wußte ich, daß ich etwas gesagt hatte, das ich besser nicht gesagt hätte: wenn der Vater sich nämlich erhebt, ist das so, als würde dem ganzen Zimmer und allen Dingen darin der Sauer- stoff entzogen: dabei kann der Vater gut kochen, er ist auf eine be- sondere Art fröhlich, anders als sonst, wenn er am Herd steht und Suppen und Soßen abschmeckt, auch für die Schule erhalte ich appe- titlich belegte Brote, die jeder aus meiner Klasse gerne mit mir tau- schen möchte, wo sie mich sonst kaum beachten: sie wissen nicht, daß ich weiß, wie man auf einer kleinen Insel im Meer lebt: wo man übersehen wird und es einem nichts mehr ausmacht.

Wenn er längst im Haus sitzt und die Nacht nur absurde Wortgebilde bringt und nicht die Bilder stillt: zum Verrecken, die Kuh ist ja ganz grün angelaufen: da greift Wander neben sich zur Kladde und zum Kugelschreiber und hält diesen Satz fest: seine Poesie, die, wie un- sinnig die Aussage auch sein mag, der Ludwig hätte Mumpitz dazu gesagt, gerade durch ihre Sinnlosigkeit zu einer besonderen Leistung wird und er seinen Kopf fortan für eine Schublade, in der die Wäsche- stücke darauf warten, daß man sie hinausholt und, eins heute, ein anderes morgen, enfaltet, hält: vom Wort zum Bild und doch nicht mehr als Fetzen, die sich mit der Zeit selber immer mehr aufpolieren, glattstrahlen: wo Wander wissen würde, daß der Weihnachtsbaum jetzt anders, vielleicht bedächtiger, umkippte oder auch erst gar nicht, weil er inzwischen die Reaktion und die Kraft zu besitzen glaubte, den Baum, bevor die Bescherung da wäre, aufzufangen, allein durch die Kraft der Vorstellung: wo die brennenden Kerzen nicht erst den Baum entzündeten und die Flammen dann auf die Gardine übergriffen: wo der Ludwig und die Mutter losliefen und jeder mit einem Eimer Löschwas- ser zurückkämen, wo er danach, mit weißem Hemd und Kinderkra- watte, anzutreten hätte, um der Eltern Tadel zu empfangen: da habe der Junge, obwohl er in seinem Alter doch schon Reaktionsvermögen hätte beweisen müssen, versagt, wonach ihm die Ente mit Rotkraut, da ein jeder für das, was er verbockt habe, einstehen müsse, gestri- chen und der weitere Heilige Abend sich verbissen stumm gestalten würde, und alles ist gut, es reicht, hörst du, äußerte sich der Ludwig in einem bestimmenden Ton, wenn Wander, noch einmal, zu erklären versuchte, daß der Tannenbaum sich von alleine gebeugt habe, wir haben deine Entschuldigung akzeptiert, respektiere also unser Ver- halten, kein Wort mehr dazu: und selbst heute wäre eine derart sich einstellende Katastrophe nicht weniger als eine solche und mitnichten eine Abwechslung in Wanders enger Welt der Ereignislosigkeiten, weil er mit solchen Zwischenfällen, auch wenn er zurückdächte, daß der Ludwig das ganze Leben für nur eine Problemlösung nach der anderen hielt, nicht zurechtzukommen wüßte und folglich darauf verzichten könnte, wobei Wander nicht das Unheil an sich verdammt: nur bitte kein solches in seinem Umkreis und durch ihn ausgelöst: sollte je- mand anderer etwa einen Weihnachtsbaum umkippen und dabei die Wohnung und das Haus und das Stadtviertel in Brand setzen wollen, so erbitte er sich jetzt schon Bild und Film und Wortbeitrag darüber zu seinen treuen Händen und Augen und Kopfwelten: in der Nacht die reine Poesie, die, auch wenn sie, zum Verrecken, die Kuh ist ja ganz grün angelaufen, eine noch so verquere Absurdität beinhaltet, jedes Bild zum Glühen bringt, wobei ihm nicht einmal dämmert, daß es sich bei dieser Poesie der Heimsuchungen um auch nur eine besonders groteske Art der Selbstbeseelung handelt: wo er sich delektiert, ohne Anteil nehmen zu müssen, und darum Wanders Nächte nicht ein einzi- ges Bild werden stillen können: dieses Jahr ist der Weihnachtsbaum mit roten und goldenen Kugeln geschmückt, auch die Kerzen, da, wie der Vater gesagt hat, alles miteinander harmonieren solle, sind rot: ich glaube, der Tannenbaum gefällt mir, die Mutter zeigt mir noch, wie man das Lametta über die Zweige verteilt, ohne, daß zuviel an einer Stelle hängen bleibt, und läßt mich dann die Hälfte des Baumes sel- ber damit schmücken, wobei sie nur hin und wieder helfend eingreifen muß: noch schöner würde der Baum, wenn ich die von mir gesammel- ten Tannenzapfen hineinhängen dürfte, aber da sagt der Vater, daß beim Schmücken, wie überhaupt im Leben, eine ästhetische Linie unbedingt einzuhalten sei, er könne jenen prallbunten Kitschtannen, die er, Jahr für Jahr, bei anderen zu Gesicht bekomme, ganz und gar nichts abgewinnen, ja, sie seien ein wahrer Greuel für ihn: und später verweisen sie mich des Tisches, obwohl ich mich auf das von der Mutter zubereitete Essen schon den ganzen Tag gefreut habe, und schicken mich auf mein Zimmer: ich krame die Tannenzapfen aus der Schachtel und lege sie, angeordnet zu einem Kreis, auf mein Bett, worauf das Zimmer nur noch gut riecht und ich immer weniger traurig werde, und am nächsten Morgen gehen wir zusammen in die Messe und danach werde ich, jetzt ist alles wieder gut, meinen die Eltern, doch noch beschenkt: ich bekomme zwei Paar warme Kniestrümpfe für den Winter und meine erste Krawatte aus grüner Wolle, ein kleines Schachspiel, das Spiel der Spiele, wie der Vater sagt und darauf ver- weist, daß die Abende für mich nun mit dem Erlernen der Spielregeln ausgefüllt seien, und die Mutter hat noch einen selbstgestrickten Pullover, mit blauen und grünen Elefanten darauf, für mich: ich bin gerührt und freue mich und danke den Eltern, und im weiteren Verlauf des Nachmittags muß der Vater dann noch schnell in die Firma, um, wie er sagt, schon einiges für die Inventur vorzubereiten, was die Mutter erst nicht so gut findet, sie aber dann, nachdem der Vater in Erinnerung gebracht hat, daß Pflichten erfüllt gehören, und ihr mit der Hand über die Haare gegangen ist, doch einlenkt: ein schönes Weih- nachtsfest, wenn man den Unfall vergißt, das letzte gemeinsame, was aber die Mutter noch nicht weiß, genau wie sie nicht weiß, daß ich die Farbe Grün nicht mag.

Als könnte Wander sich, am Fenster stehend, noch einmal bei dem zusehen, was schon abgeschlossen ist, bevor er seine Füße in die Richtung des Fensters lenkt: wenn die elektrischen Wellen seines Gehirns vom gleichmäßigen Tiefschlaf in das unregelmäßige Traum- muster wechseln, wenn seine Hände sich auf die Augen legen und er spürt, wie seine Augäpfel unter den geschlossenen Lidern zu zucken beginnen, wenn die Nervenzellen aus der Ruhe in eine hektische Ak- tivität wechseln und seine Haut sich erhitzt und genau da ein schwe- lender Ascheregen auf das Wasser niedergeht, wenn immer mehr Klumpen auf ihn zuschwimmen und er, während sich sein Glied versteift, die Klumpen abtastet und seine Hände diese Klumpen als ineinander verschlungene Körperteile, Arme, Beine und Eingeweide, ausmachen und auch den Geruch nach Schlachthaus greifen und füh- len können und er noch versucht, eine Männerleiche aus dem Wasser zu ziehen, wobei ihr der Kopf abbricht und Wander in das Gesicht des Vaters schaut, wenn sich dabei die Hände der anderen toten Körper erheben und, als habe er das Unglück zu verantworten, zu Fäusten schließen: so daß er den Aufzeichnungsapparat erst durch die Fen- sterscheibe schleudert und gleich darauf, wenn der Morgen anbricht, an diesem Fenster mit unversehrter Scheibe lehnt und hinausschaut auf den kleinen Platz vor dem Haus mit dem verkümmerten Baum, in dem jetzt zwei Krähen hocken, deren Anblick, als würde er ihn am Atmen hindern, bei Wander einen Hustenreiz auslöst, demzufolge sich ihm die Frage stellt, wie lange er noch in jede Alltäglichkeit eine Rät- selhaftigkeit zu legen genötigt sein wird, und schon darauf wartet, daß im Radio die Nachricht von dem Flugzeugabsturz über dem Pazifi- schen Ozean verkündet wird: und natürlich wird, als böte sich jeder Traum Wanders als eine Vorraussicht auf noch kommende Ereignisse an, genau diese Meldung über die Katastrophe sofort zu Beginn der Morgennachrichten verlesen, während er weiter am Fenster lehnt und erst den Kopf des Vaters auf den Platz rollen sieht und hiernach, wie die zwei Krähen sofort ihre Schnäbel in die Augenhöhlen hacken, und dabei weiß, daß an so einem frühen Morgen auf diesem kleinen Platz eigentlich nichts geschieht, von dem er immerhin genug registriert, um sich zu wundern, daß, trotz der Ereignislosigkeit, seine Aufmerksam- keit, als wolle er sein Gehirn an Vorgänge, die nicht real geschehen, heranführen, bleibt und sich, mit der Dauer der Beobachtung des Ima- ginären, in eine Neugier und Anspannung steigert, bis sich, wie immer dann, alles abrupt auflöst und nur ein verhangener, trister Morgen, ohne den Anflug einer Klärung des vorangegangenen Prozesses, zurück- bleibt: und all die Deutungen bleiben in Wander drin: die drohenden Fäuste: man widerspricht keiner Vertrauensperson, war schon früh des Ludwigs Regel, womit der Vater nur sich meinte, die gefledderten Lei- ber: man hat seinen Gehorsam ständig einzulösen, als habe er sich nicht immer dem Ludwig unterworfen und sei ihm, der Richtschnur allen menschlichen Beieinanders und Füreinanders, nicht in Ehrfurcht und Liebe ergeben gewesen, als habe er sich ständig reinzuwaschen und müsse dabei belegen, daß der Ludwig so natürlich gestorben ist, wie ein Mensch ganz natürlich, gemäß seiner biologischen Uhr, im Alter zu sterben pflegt, als habe er, um seine Unschuld zu beweisen, über glühende Kohlen zu wandeln: und kennt auch diesen Traum zu gut: wo Brandblasen an seinen Fußsohlen der Beweis wären für seine Undankbarkeit und daher Mitschuld und fehlende Brandblasen nur für seine Auflehnung zeugten und für des Ludwigs Gram über diesen aufbegehrenden Geist, als hätte sich Wander, im Bund mit diesem Geist, die Brandblasen weggehext: so im Kopf belemmert und hinfällig war der Ludwig in seinem Siechtum gewesen, da, als Wander ihn, aus gutem Grund, nicht mehr sehen wollte, und würde jetzt, wenn er weiter am Fenster lehnte, sehen können, daß die Krähen wegflögen, und im Hintergrund aus dem Radio einen Kommentar zu den Befürchtungen, daß der Eishaushalt der Erde immer mehr aus dem Gleichgewicht gerate und ein Abschmelzen der Polklappen fatale Folgen habe, hören können: hätte er sich nicht wieder in sein Bett zurückgezogen: Frau- enfleisch, sagt da die Ruth, in seinem Beisein, zu dem Ludwig, Frau- enfleisch ist für deinen Sohn wohl eine traumatische Konfliktmasse: er hätte der Ziege damals im Klo zusehen sollen, er hätte, dann wäre in der Nacht nicht das Flugzeug heruntergekommen, seine Schuld, er weiß, es schert ihn trotzdem nicht: reißt das Kabel zum Traumapparat aus der Steckdose und nimmt sich vor, seinen Körper liebzuhaben, später, weil er die Gunst zu sich, selbst die, unter Kontrolle zu haben glaubt: und jenes mich mit Unbehagen erfüllende Blinzeln am Ende des Raums, wie aus der Wand heraus und unter der Tapete hervor, und jene Hand, die mein Haar zerzaust und mich schnell, ganz schnell und unruhig atmen läßt: der Rest ist jedesmal, daß man mich nimmt und auf den Stuhl drängt, meinen Oberkörper an die Lehne bindet und ich immer schneller und heftiger atme, mit dem Mund nach Luft ringe, mit dem Kopf, dem ganzen Körper, bis ich mich im Schreien und At- men verschlucke: bis ich platze: und stets fragt der Vater mich, wovor, in aller Welt, ich Angst hätte: vor nichts, mir gehts gut.

Um sich nicht in Banalitäten zu verlieren: selten erkundet, was da draußen geschieht: nur um die Ecke zur Bank, den Kontostand ab- gefragt und das angewiesene Mietgeld abgeholt und wieder zurück in das Terrain der erlangten Überlegenheit, seine Dreizimmerwohnung, wo er mit seinen Phantasiegebilden, ohne, daß der Ludwig dazu Zutritt bekäme, sein kann: er könnte jetzt den Gedanken, eine Zigarette bis zum Ende mit nur einem Zug abzurauchen, in seine Kladde nieder- schreiben, und diese Vorstellung weiterknüpfen, also, um es auf die Spitze zu treiben, den inhalierten Rauch in der Lunge zu lassen, auf daß der Rauch nach Entweichmöglichkeiten suchen müßte und, wenn Wander hier auch, spönne er diesen Faden weiter, Zweifel an seiner Schlußfolgerung kämen, durch die Lungenwände träte und sich in allen Eingeweiden des Körpers ausbreitete und alle Funktionen lahmlegte, so könnte er fragen und dann doch lieber nicht weiter an der Frage stricken, wie lange ein solcher Körper überlebte, er könnte auch, um beim Nikotin zu bleiben, eine neue, wenn auch in etwa gleichgelagerte, Idee verfolgen, nämlich die vom Auflösen einer Schachtel Zigaretten in einer Schüssel Wasser und dem anschließenden Runtertrinken dieses Gebräus, er könnte Anmerkungen, in denen er sich über die vermeint- liche Wirkung ausließe, hinzufügen und, als sich übertreffende Ergän- zung, um, sozusagen, die Ernsthaftigkeit seiner Fragen zu untermau- ern, den Deckel seiner Zigarettenschachtel dazukleben und dieserart dem ganzen eine noch persönlichere Note verleihen, er könnte auch seine Kladde zuklappen, noch bevor er Gelegenheit fände, sich mit diesen geschmacklosen Fragen, von denen keine eine einigermaßen die menschliche Würde bedenkende Antwort zuließe, auseinander- zusetzen: er könnte und läßt sich dann doch nur vom Heimservice eine Salamipizza kommen, die er, während er andere, neue Bilder entwirft, nur zur Hälfte ißt: solche Bilder, vor denen der Ludwig den Sohn immer hatte schützen wollen und sie dabei, so sagt sich Wander in der Überzeugung, daß ein phantasievoller Mensch seines Schlags auch ein reflektierender Mensch sei, durch eine übersteigerte Fürsorge doch erst hervorgebracht habe: das Haus ist schuldenfrei, die Parteien zahlen pünktlich ihren Zins, wovon es sich recht ordentlich leben läßt, und in diesem Gemäuer wird er weiterhin, sowie ihm neue Variationen dazu einfallen, die Erfahrungswerte aus der Vergangenheit, nach seinem Belieben und auf seine ihm eigene Art, ergänzen, erweitern oder vertiefen und auch eine Position der besonderen Ansicht beziehen können, die jede Vorgeschichte in ein anderes, angenehmeres Licht stellte: so sind die ganz privaten Spiele, um die kleinen Glücksmo- mente des Tages hervorzukitzeln: mit immer neuen Kostümen und Masken und Gesten in immer neuen Bühnenspielen um Haben und Sein, um Zeit und Geduld, in immer neuen Klagespielen um die Ver- rohung und Trivialisierung der Begriffe und Symbole: wo der Ludwig den Verlust der gemeinsamen Sprache beklagte und damit den Genera- tionenunterschied als solchen meinte, erkannte Wander, daß die gemeinsame Sprache nur ein Synonym für des Vaters Maßstäbe und Ordnungen war und daß der Unterschied der Generationen nur darin bestanden hatte, daß der eine sich beugen mußte, wenn der andere anordnete und verfügte und befahl: die Arme hoch: dabei ist er, weiß Wander, ein schöner Balg gewesen, wenn auch Schönheit keine Entschuldigung für das Versäumnis sein kann, nicht schon als Kind ein Messer mit sich getragen zu haben: wenn ich den Vater frage, ob er, da ich ihn noch nie in Begleitung eines Fremden gesehen habe, keine Freunde habe, und er losdonnert, daß hier zu Hause, da, wo es darauf ankomme, die Welt in Ordnung sein müsse, dann weiß ich, daß ich diese Welt in Ordnung halten muß und ziehe daher sofort nach der Schule meine gute Hose und mein gutes Hemd und meine guten Schuhe aus und schlüpfe in die Haussachen, wobei ich darauf zu achten habe, daß später kein Kleidungsstück herumliegt: alles gehört, akkurat gefaltet oder über einen Kleiderbügel gehängt, in den Wä- scheschrank verstaut: der Vater kommt immer pünktlich von der Ar- beit nach Hause und wechselt, da ist er mir ein Vorbild, auch sofort seine Kleidung und kocht anschließend für uns, manchmal gibt es für eine besondere Leistung, wenn ich, zum Beispiel, die beste Englisch- arbeit der ganzen Klasse geschrieben habe, eine Extraportion Nach- tisch, damit auch sonst die Welt in Ordnung bleibt: sowie ich mich höflich melde, darf ich auch schon das Telefon abnehmen: ich glaube, der Vater weiß jetzt, daß ich erwachsen werde, das soll ihm keine zu- sätzlichen Sorgen bereiten, auch keine, daß ich manchmal widerspre- chen will.


© Autor & AutorenVerlag Matern Duisburg  Alle Rechte vorbehalten